
Nur noch wenige Wochen, dann schreibe ich Abitur, habe mündliche Prüfungen und verlasse diese hassgeliebte Anstalt namens Schule. Für viele die Erlösung, für einige bleibt ein Wehmutstropfen zurück, für die meisten wird es aber wohl eine gute Mischung sein.
Ich sah in der Schule, speziell in unserer Schule, viele verbesserungwürdige Sachen. Da war zum Beispiel das Personal in Form von Lehrern, Sekretärinnen und dem Hausmeister, welches oft zum Diskussionsmaterial in den Pausen avancierte. Da war außerdem der Zustand unseres Schulgebäudes, welches durch Asbest bestimmt war. Darin lernten wir neun Jahre lang viel Sinn und Unsinn.
Daneben war die Schule ein Ort der Freund- und Feindschaften. Man mochte die einen, man hasste die anderen. Und viele waren einem egal. In einem Oberstufenjahrgang aus 130 Menschen ist es nicht verwunderlich, wenn man einige nicht kennt. Letztlich bleibt allgemein ein gemischtes Bild zurück.
Die Schule an sich finde ich im Grunde gar nicht so schlimm. Es ist ein Ort, an dem man einfach lernt. Man lernt viel für die Schule und man lernt einiges fürs Leben. Bis zu einem gewissen Grad kann man auch unserem Schulsystem etwas abgewinnen, was allerdings keine Leistung der Kultusministerien ist. Das Grundkonzept bleibt ja schließlich immer das gleiche. Kinder und Jugendliche lernen gemeinsam in einem Gebäude. Darauf muss man aufbauen und nicht auf unserem bereits zerstörten Bildungssytem. Aber niemand traut sich, das Rad neu zu erfinden. Konservatismus und so.
Man redet von Freiheit. Die fehlt im großen Ausmaß. Man berichtet von Innovation. Fehlanzeige. Man bietet Bildungsreformen. Wir brauchen eine Revolution.
Der Staat braucht einen bestimmten Typus Mensch, der ihm folgt und ihm behilflich ist. Der Staat formt durch seine Gymnasien Banker, BWLr und eine große orientierungslose Masse. Anstatt alle Bildungsbereiche gleichermaßen zu fördern und freiheitlich anzubieten, trimmt man den Lehrplan und beschränkt dadurch die Talente und Begabungen eines jeden einzelnen. Man verschenkt Unmengen an Potential, weil wenige Beauftragte glauben, sie wüssten, was den Schülern (dem Staate) nützt.
Karriere ist das Unwort unserer Generation. Überall und ständig erschlägt man uns mit einer Abstraktion dieses Begriffs. Medien, Schule und Eltern vermitteln den endlosen Konkurrenzkampf am Arbeitsmarkt und die Pflicht, dem vermeintlichen Standardweg der Elite zu folgen. Abitur, Studium und weltbekannte Unternehmen versprechen Erfolg.
Nun bin ich kurz vor der ersten Etappe. Dem Abitur. Ich beobachte dieses krankhafte Karrieredenken an allen Ecken. Man will kein Leben. Man will Arbeit. Die Elite wird zum Durchschnitt. Nach ganz oben will man hin, weil man vom großen Geld träumt, welches mit Glück gleichgesetzt wird. Meine Kameraden vergessen, dass die Zeit für eine gutes Buch viel mehr Wert hat, als ein teures Leben, das man nicht auskosten kann.
Dass das ein Traum sein kann, kann ich akzeptieren. Ich kann aber nicht glauben, dass ein Großteil davon träumt. Ich kann nicht fassen, dass wir tatsächlich eine Karrieregeneration werden. Während ich diesen Text hier schreibe, lernen sicherlich viele für ihre Prüfungen. Sie wollen einen guten Abischnitt, weil sie darin die entscheidende Eintrittskarte ins Eliteleben sehen. Sie reißen sich jetzt den Arsch auf, um daraufhin scheinbar ausgesorgt zu haben. Jedoch müssen die, die es jetzt nötig haben, bis an ihre Grenzen zu gehen, die müssen sich bewusst sein, dass dies kein Ende haben wird. Und wer will schon ein Leben im Abistress führen, weil man auch zukünftig die Erwartungen, die durch die erkämpfte Abiturnote entstehen, erfüllen muss.
In den nächsten Jahren wird es alleine durch die G8-Regelungen eine Studentenwelle geben, die größtenteils dieser vorgefertigten Karriere zugeneigt ist. Die Konkurrenz wird größer. Man strebt nun im zweistufigen Studiensystem nach Bachelor und Master, um die Akademikermasse ein letztes Mal in gut und besser einzuteilen. Am Ende haben doch wieder alle einen stressgeplagten Aufwand hinter sich gebracht, um Master zu sein. Anstatt sich durch seine Qualitäten zu profilieren, spielt man nur noch dem mehrstufigen Bildungssystem zu, um in einer Eliteflut unterzugehen.
Ich kenne viele, die mir in einigen dieser Punkte nickend zustimmen würden. Jedoch sind das oft die gleichen Personen, die im nächsten Moment nach der nächsten Klausur fragen, wie viel man denn dafür gelernt habe und was denn dran kommen könne. Ich hasse diese Doppelmoral. In dem System aufzugehen, dass man kritisiert, ist paradox und arm.
Nun stecke ich ja auch drin, aber Noten sind für mich nicht repräsentativ. Das Abitur interessiert mich auch nicht besonders. Ob und was ich studiere, weiß ich nicht genau. Und wer jetzt glaubt, dass ich ein arbeitsloser Spinner werde, dem kann ich versprechen, dass ich nicht weniger davon betroffen sein kann, als er selbst. Ich kenne meine Qualitäten, weiß sie zu beweisen und werde mich nicht von subjektiven Fremdeinschätzungen ablenken lassen. Es gibt immer eine Hintertür, deren Schlüssel kein Zeugnis ist.
Foto: “Mariesol Fumy” / www.jugendmedien.de, CC-Lizenz(by-nc)