Die Möglichkeit einer Zukunft

Juli 19th, 2010 — 0 Kommentare

Das Stück Papier liegt vor einem. Man malt sich seine Zukunft aus. Die Vergangenheit ist ein unmanipulierbares Foto, aber die Zukunft ist so weit entfernt, dass man glaubt, vorab einzelne Elemente oder gar das gesamte Bild bestimmen zu können. Man grübelt und hat Ideen. Manche verwirft man, weil man sie nicht malen kann. (Und nur die wenigsten schätzen eine abstrakte Zukunft.) Andere Ideen notiert man sich, um sie später zu malen. Bis es jedoch dazu kommt, ist der Notizzettel voll und weitere türmen sich zu einem bunten Berg zusammen. Ab und zu greift man hinein und ist beim Herausziehen eines Zettels überrascht, dass das Papiermassiv stabil bleibt. Der gezogene Zettel wird betrachtet und einzelne Gedanken werden gestrichen. Das passiert öfters. Wenn die Gegenwart sprunghafte Meinungen und Ideen liefert, wird auch die Zukunft sprunghaft entschieden.

Der Abgabetermin rückt näher. Der Hintergrund wird in schwachen Pastelltönen vorgemalt. Man ist genervt über diese Vorarbeit. Man möchte sich dem Wesentlichen widmen und der Zukunft ein Gesicht verpassen. Man will seine Ideen auf das Bild übertragen. Jedoch ist aus dem chlorfreien Himalaja der Ideen ein blasses Denkmal entstanden, das seine Inhalte der Witterung opferte. Man zückt nun den Pinsel und muss die Farbe flexibel und spontan in Formen pressen. Doch kurz bevor die Pinselspitze die rauhe Struktur des Papiers berührt, hält man inne. Man will ja keine Fehler machen. Man muss sich beeilen, aber eine Skizze ist riskant und dem Werk “Zukunft” unwürdig. Man will viele Informationen auf die verfügbare Fläche übertragen, aber man sollte sich Freiräume lassen. Das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen, wandelt sich vom Traum zum Albtraum. Die Gedanken schlagen Purzelbäume, die Uhr im Atelier wirkt ohrenbetäubend und das Herzpochen lässt die feinen Pinselhaare im Tunnelblick vibrieren.

Vier Stunden später. Man sitzt im warmen Sessel und schlürft den grünen Tee. Die Abgabefrist für das Bild der eigenen Zukunft ist abgelaufen. Es hängt bereits an der Wand. Man nippt kurz und blickt über den Rand der Tasse auf das schicksalhaft Gemälde. In der Mitte: sein lächelndes Ebenbild. In dessen Händen: Pinsel und Papier.

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