29. Dezember 2010
Wohin geht es? Was werde ich machen? Wie wird es dort aussehen? Ganz elementare Fragen, über die sich wohl jeder Mensch ab und an Gedanken macht. Auch wenn wir wissen, dass sich nicht jeder Mensch die gleichen Gedanken macht und auch nicht jeder gleich viel denkt. Manch einem mag man unterstellen, dass er gar nicht denkt oder stets einen sonnigen Strand vor dem inneren Auge hat. Wie auch immer.
Mein Punkt ist, dass man selbstverständlich über Kommendes nachdenkt. Mein Problem ist, dass ich nicht damit aufhören kann. Mir ist erst jetzt so richtig bewusst geworden, dass mein Hirn im Stand-By-Modus einer Trendbar in der Happy Hour ähnelt. Den Gästen des Ladens wird bewusst, dass sie Feierabend haben und zu besten Preiskonditionen mehr in sich aufnehmen können. Ja, ein schlechter Vergleich. Mein Hirn macht aber in den besten Pausenzeiten die größten Lebensentwürfe. Aus dem kleinsten Gedanken wird unbewusst ein riesiges Fantasiekonstrukt. Ein Paralleluniversum entsteht, wenn ich auch nur im Geringsten über die Zukunft nachdenke. Beispiel: Ich muss bald zum Bäcker. Mein Hirn nimmt diese Wahrnehmung als Anstoß, mir den kompletten Ablauf dieses Ereignisses vorab und sekundenschnell aufzuarbeiten. Eigentlich bräuchte ich nicht mehr hinzugehen, weil ich schon weiß, wie die Verkäuferin aussieht, welche Brote noch da sind und wie die Donuts hinter dem Glas aussehen. Zwar nicht im Detail, aber mich befällt ein enormes Gesamtbild, welches aus simplen Erwartungen besteht.
Man mag es den John-Dorian-Komplex nennen, denn J.D. aus Scrubs kämpft ja auch immer wieder mit seinen Tagträumen. Allerdings sind meine Gedanken weitaus realer, weshalb es auch mal zu Konflikten mit der echten Welt kommt. Es kann halt zu nichts Gutem führen, wenn man eine fiktive Welt mit der realen vergleicht. So kommt es halt zu Enttäuschungen, wie wenn man sich Modelmaße an echten Frauen wünscht. Wenn man nämlich etwas erwartet, und zwar in so einem Umfang, dass man eigentlich nur wissen möchte, wie es nach den vermutlich eintretenden Erwartungen noch weitergeht, hat man verschissen. Die eine Möglichkeit, die ich mir erdenke, muss im Zweifelsfall unendlich vielen Alternativen gegenübertreten. Und ich werde enttäuscht. Mein Gehirn hat versagt und mir eine andere Zukunft vorgegaukelt – wie ein verdammt schlechter Hellseher.
Das Leben ist eben ein großer Zufall, dessen Berechnung zu Kummer und Leid führen kann und in jedem Fall Zeitverschwendung ist. Jetzt ist mir das endlich bewusst geworden und die Erkenntnis tut gut. Ich nehme an, dass es fortan besser wird. Nein! Ich nehme an, dass irgendwas wird.
28. Dezember 2010
Seit fast fünf Monaten wohne ich nun in Offenbach. Eine Stadt über die manch ein Wort geredet wird. Meist hört es sich mehr schlecht als recht an. Aber was ist dran, am Albtraum Offenbach? Gibt es neben der Schatten- auch eine Lichtseite?
In Offenbach leben nur Ausländer. Gewagte These, die sich im ersten Moment nicht widerlegen lässt. Die Stadt ist sehr multikulturell. Man läuft durch die Straßen. Man sieht und hört die Welt. Türkisch und Arabisch ist sehr auffällig. Dazwischen ein paar Russen. Daneben der Japaner. Dadurch gibt es viele Handyshops, einige Döner und weitere kulinarische Delikatessen aus hintersten Ecken. Auf dem Wochenmarkt verkauft der Grieche, aber verkauft an Offenbacher Rentner, die auf den ersten Blick einen deutschen Ursprung haben. Überhaupt laufen überall ältere Deutsche herum und tingeln mit der Bahn. Nebenbei sitzen in den Schulen zwischen 15 Murats und Aishas nur drei Kevins und Katharinas. Sie haben Türkisch auf dem Stundenplan und am Opferfest sind nur wenige in der Schule. Also ja! In Offenbach leben viele Ausländer – neben vielen Deutschen. Es ist keineswegs ein Problem. Offenbach zeigt sich in der Integrationsarbeit als Vorbild. Ich weiß nicht, ob und welche Probleme es gibt, aber ich sehe sie nicht. Und ich glaube das andere Städte mit der gleichen kulturellen Vielfalt viel mehr Probleme hätten.
Frankfurts kleiner Bruder darf auch ruhig als dieser bezeichnet werden. Immerhin hat Offenbach einen “Tower”, eine Straße voller Banken und die beiden Städte trennt nicht mehr als ein Fluss, den beide im Namen tragen. Mit dem Auto bist du in Windeseile in Frankfurts pompöser Innenstadt. Offenbachs Innenstadt ist übrigens sehr übersichtlich, aber bietet alles und noch mehr, was ein Shopper braucht. Die Bahn- und Busanbindungen sind mehr als befriedigend (zumal ich vom Bus direkt vor der Haustür abgesetzt werde). Sehr kalorienlastig aber praktisch sind die Subways, McDonalds und Burger Kings, die es alle in doppelter Ausführung gibt. Offenbach mag eine markante Stadtästhetik fehlen, aber es bleibt Frankfurts kleiner Bruder. Und Brüder dürfen sich zoffen, so wie es die Einwohner auch gerne mal machen.
Frankfurter sagen, Offenbacher können nicht Auto fahren. OF stehe für “Ohne Führerschein”. Ich kann schon zugeben, dass Offenbachs Straßen zu den wildesten und gesetzlosesten gehören, die ich je miterlebt habe, aber ich bin da auch voll dabei. Mein Herz ist bei den Fahrern, die nicht daran Schuld sind, dass die Straßenlage beschissen ist und manch eine Ampel die letzten Nerven kostet. Die engen und verzweigten und von Bussen gekreuzten Straßen sind ein bautechnischer Terrorakt. Das heimtückischste sind aber diese von Psychoterror inspirierten Blitzer, die an jeder zweiten gottverdammten Kreuzung stehen. Man kann seinen mobilen Frust also nicht einmal in Form von minimaler Höchstgeschwindigkeitsgrenzüberschreitung tilgen. Offenbachs Straßen sind ein Gefängnis, in dem man erst lernt, über rote Ampeln zu fahren. (Ich zähle bereits fünf Stück.)