19. Oktober 2010

1440

Stell Dir vor Du hättest ein Kreditkarte, auf der 1440 Euro sind. Du kannst das Geld für alles verwenden, aber Du darfst in keiner Form sparen. Tag für Tag um Punkt null Uhr verlierst du den Restbetrag unwiederbringlich und erhälst neue 1440 Euro. Die Beträge summieren sich nicht. Das heißt, Du hast in einem Intervall von 24 Stunden jeweils 1440 Euro zur Verfügung. Es liegt in Deiner Hand, wie Du Tag für Tag mit diesem Geld umgehst.

18. Oktober 2010

Hallo, Ihr lieben Menschen. Es ist spät. Zwei Uhr nachts. Alles schläft. Eigentlich ist mein aktueller Tagesrhythmus ein völlig anderer, weil ich für gewöhnlich noch vor Mitternacht todmüde ins Bett kippe. Doch es sind Ferien und Wochenende. Zwei Umstände, die mir viel Stress ersparen und es mir ermöglichen, jetzt noch ein paar digitale Wörter loszuwerden.

Dabei fällt mir auf, dass ich häufiger diese späte Uhrzeit online nutzen sollte, da ich die restlichen 20 Stunden des Tages in WG-Gesellschaft verbringe. Und ich schreibe nicht in Gesellschaft, weil der Prozess des Schreibens intim ist und Ruhe benötigt. Intimität und Ruhe – wiederum zwei andere Umstände, die ich selten auskosten kann. Vermutlich habe ich soeben eine zeitliche Nische gefunden, die es mir erlaubt, das Internet zu konsumieren und meine Gedanken zu publizieren. Allerdings weiß ich nicht, ob ich es mir im üblichen FSJ-Alltag erlauben kann, nur fünf oder sechs Stunden Schlaf zu haben. Immerhin muss ich jeden Morgen in Schulen Shows aufführen und Kinder mit guter Laune und frischem Auftreten animieren.

Ich habe dieses Wochenende erstmals so genutzt, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Wir waren in Frankfurt shoppen, haben über Beamer ein paar Friends-Folgen gesehen und Klitschkos Sieg bestaunt, haben Gesellschaftsspiele ausgepackt und uns per W-Lan Counter Strike und Warcraft-Matches geliefert. Ich hatte die Muse und Zeit, eine Zeitung zu lesen. Und jetzt sitze ich sogar in aller Ruhe vor meinem Laptop und tippe ein paar Zeilen für mich und die Weltöffentlichkeit. Wenn es so weitergeht, finde ich noch heute mein zukünftiges Traumstudium inklusive Stipendium und eine Möglichkeit, Geld zu scheißen.

9. Oktober 2010

Seit zwei Monaten bin ich nun in Offenbach und vermittle an Schulen Sozialkompetenzen und lerne sie selbst von Tag zu Tag mehr schätzen. Das WG-Leben entwickelt sich zur intensiven Achterbahnfahrt mit höchsten Höhen und tiefsten Tiefen. Die Arbeitszeit macht locker 50 Stunden pro Woche aus. Zum Glück besteht die Abwechslung. Jeden Tag gibt es Neues zu entdecken und immer wieder werden frische Shows und Theaterstücke konzipiert und aufgeführt. Doch das scheint uns nicht zu reichen. Kürzlich tanzten wir noch einen halben Tag lang im Einkaufszentrum Ausdruckstänze. Mittlerweile werden wir auch schon in der Stadt erkannt und man spricht uns immer wieder auf unseren Vereinsbotschafter Mehrzad Marashi an.

Es ist ziemlich krass, was bereits passiert ist und wie anstrengend es ist, am Ball zu bleiben. Hunderte Gesichter, unzählige Wörter, die sich zu tausenden Geschichten verbinden lassen. Jeder Tag birgt neue Erwartungen und jeder Tag überrennt sie wieder mit neuen Überraschungen. Man kann kein Leben planen, welches zu jeder Sekunde von mehr als zehn Freunden beeinflusst wird. Ich vermisse die Zukunft, weil ich keine Zeit für die Gegenwart habe. Die Welt dreht sich für alle gleich schnell – und für mich besonders, weil ich auf ihr sprinte.

5. September 2010

Keine Ahnung unter welchem Thema sich die vierte Woche ereignete. Im Nachhinein ist mir ohnehin so wenig hängengeblieben, dass ich noch nicht einmal von einer ganzen Woche sprechen kann. Und dabei sind entscheidende Dinge geschehen.

Es begann mit der Teamaufteilung für das nächste halbe Jahr. Zwölf Freunde mussten sich selbstständig in zwei Gruppen aufteilen. Wir beachteten bestimmte Voraussetzungen, um das Gleichgewicht zu wahren. Nach langer Diskussion belief es sich ohne bessere Alternativen auf die bereits erprobten Teams, die auf Sylt entstanden. Der letzte Jahrgang warnte uns vor diesem Tag, weil beim letzten Mal Tränen flossen. Bei uns war es hingegen ein nüchterner und verständnisvoller Austausch von Meinungen mit wenigen Problemen.

Extern weitaus interessanter war das Treffen mit unserem neuen prominenten Botschafter: Mehrzad Marashi. Ausgerechnet der Sieger der DSDS-Staffel, die ich am allerwenigsten medial absorbierte. Ich konnte ihm die Hand schütteln, ihn fotografieren und ihn live singen hören. Habe ich mir zwar nie gewünscht, aber für den Verein ist diese Art von Presse und Aufmerksamkeit unbezahlbar. Deswegen war der Tag ziemlich wertvoll und erzählenswert.

Nebenbei hatten wir Hospitationen in unterschiedlichen Offenbacher Bildungsanstalten, wo wir den Alltag der Multikultischulen hautnah miterlebten. Wir entschieden uns für Teamaufgaben. Wir brachten die WG auf Vordermann. Ich moderierte unseren ersten Elternabend. Es wurden absurde Twistermoves bewerkstelligt. Es gab Rollenspiele und Massagezirkel bei Kerzenlicht. Und abschließend bin ich mit zwei Männern im Wohnzimmer bei Jack-Johnson-Musik eingeschlafen. Eine außergewöhnliche Woche, die ich als absurde Routine empfand.

4. September 2010

Jetzt bin ich bereits seit einem Monat FSJler und schreibe erst jetzt über meine dritte Woche. Es handelt sich dabei um eine äußerst ereignisreiche Woche, die mein gedächtnisschwaches Hirn nur bedingt in seiner Gänze wiedergeben kann. Eins weiß ich noch ganz sicher…

Es fing auf Sylt an. Nachdem wir im VW-Bus auf einem Zug das Sylter Festland erreichten, ging es ganz schnell: Wohnung bestaunen, Betten beziehen und ab ans Meer. Kalte Sommerluft fegte durch mein Haar, als ich die anderen beim Kampf gegen die Wellen fotografierte – ich hatte meine Badehose vergessen… Kein Grund zur Trauer, da ich ohnehin kein großer Schwimmer bin. Nachdem ich ein paar Worte in den Sand gekratzt hatte, ging es im Dämmerlicht zurück zum riesigen Appartmentkomplex.

Die folgenden Tage waren weniger entspannt. Nach der Teamaufteilung, einer Wochenbesprechung und den ersten Proben, bereisten wir diverse Bildungsanstalten für Schulakquisen, um für unser Showkonzept zu werben. Aus zwölf gebuchten Auftritten wurden 29. Jede Show brauchte ihre eigene Konstellation aus Animator, Moderator und Schauspielern. Wir lernten die verschiedenen Rollen praktisch kennen und verbesserten uns mit jeder weiteren Bühnenpräsenz. Die Auftritte reichten von der ersten bis zur achten Klasse. Außerdem gab es Shows für 18- bis 25-Jährige im Jugendaufbauwerk. Diese enorme Vielfalt erforderte Proben bis spät in die Nacht.

Aus der vielen Arbeit resultierte wenig Freizeit. Umso mehr genossen wir das Liegen im Strandkorb, die Crepes aus Schokoteig gefüllt mit weißer Schokolade, das Kickern im Keller, das echte Kicken auf Kunstrasen, den nächtlichen Spaziergang, die tiefschürfenden Gespräche und den Wind, der um unsere Ohren peitschte. Der größte Genuss war wohl aber die Ermutigungsdusche am Ende der Woche. Wir waren zwar alle sehr positives Feedback gewohnt, aber es haut dir die Rübe weg, wenn dir 14 andere Menschen eine Minute lang höchstes Lob um die Backen klatschen. Man ist eine Minute lang der glücklichste Mensch auf der Welt.

Nach dreizehn Stunden Rückfahrt mit Zwischenstopp und Döner in Lübeck fiel ich erleichtert und bereichert in mein Bett. Die Zeit war noch intensiver als sie bereits war. People’s Theater ist ein einzig großes Superlativ.