2. April 2011

Ich lebe hier unter dem Segen der Bahai – einer jungen Weltreligion aus dem Iran. Bahai sind sehr nette und offene Menschen. Sie schaffen es zwar nicht, mich von meinem Agnostizismus abzubringen, aber sie schaffen es immer wieder meinen Sinn für Geistigkeit anzuregen.

Bei uns in der WG herrscht beste Stimmung, weil wir hier viel über den Sinn und Unsinn von Werten und Menschenbildern reden. Wir versuchen immer nur das beste in jedem zu sehen und kommunizieren viel. Probleme werden hier immer angesprochen und beraten, sodass nichts in sich hineingefressen wird. So eine Offenheit zerstört natürlich viel Privatssphäre, aber die opfert man, wenn es um eine gesunde Gruppendynamik geht.

Außerdem habe ich hier gelernt, zu beten. Nicht zu Gott. Sondern einfach für mich selbst. So mache ich mir Tugenden bewusst und setze mir Ziele, mit denen ich besser durchs Leben komme. Und um noch eine Stufe weiter zu gehen, habe ich das Fasten ausprobiert. Das funktioniert bei den Bahai so, dass man vor dem 21. März 19 Tage zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang komplett auf Essen und Trinken verzichtet.

Ich habe es sechs Tage durchgehalten. Wieso diese Strapazen? Es klingt zunächst ungesund, und das war es sicherlich auch, aber es ging mir eben darum, meine Grenzen zu erforschen. Mein Körper ist nämlich ziemlich resistent, wenn es um Essen, Trinken und Schlaf geht. Ich empfinde selten Hunger, Durst oder Müdigkeit. Ich wäre ein guter Soldat. Leider hat mir das Experiment offenbart, dass elf Stunden ohne Trinken zwar keinen Durst, aber dafür Kopfschmerzen verursachen. Außerdem wurde aus meiner ohnehin unregelmäßigen Nahrungszufuhr, sinnlose Völlerei, wenn sich morgens um halb sieben kiloweise Cornflakes in meinem Darm aufschichteten und abends um sechs das Kauen schneller als der Geschmack war. Man schätzt plötzlich, was man hat: die Freiheit zu essen, wann man will und wie viel man will. Man versteht, dass der eigene Körper ohne Wasser zu Schmerzen und Schwindelgefühlen neigt.

Und obwohl mein Körper immer anfälliger wurde und das Essen nichts mehr mit Genuss zu tun hatte, waren das nicht die Hauptgründe für meine vorzeitige Aufgabe. In erster Linie war ich zufrieden. Zufrieden mit dem, was ich gesehen und gelernt hatte und zufrieden mit mir selbst. Denn eigentlich war ich vor dem Fasten ein geistiges Wrack und nach der Abstinenz war es nur noch mein Körper. Weil ich nichts aß, hatte ich Zeit, über vieles nachzudenken. Und das machte mich glücklicher. Und letztlich habe ich dafür gefastet. Ich wollte wieder bewusst glücklich sein.

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13. März 2011

Es fällt mir schwer, noch spannende Dinge zu berichten, weil ich nicht mehr weiß, was spannend ist. Alle meine Tätigkeiten und Erlebnisse versinken in einem Alltagsbrei, der aus Kommunikation und Emotion besteht. Für mich mag jeder Brocken wichtig sein, aber was sollen Außenstehende damit anfangen?

Viel hat sich seit Beginn meines FSJs als Theaterpädagoge verändert. Die Arbeit mit den Schülern hat ein hohes Maß an Professionalität gewonnen. Unsere Teambesprechungen klingen nun weniger nach Anschuldigungen als nach durchdachten Analysen. Dies mag an der Umstellung vom Prozess des Feedbacks hin zur Reflexion liegen. Die Bewertungen der Lehrer sind kosmisch hoch geworden und “Problemklassen” sind nun unsere Lieblingsklassen.

In der WG haben wir nun konkrete Regeln bekommen. Okay, die hatten wir auch schon zu Beginn des Jahres, als wir eingezogen sind. Aber nachdem die Mädels und Jungs die Wohnräume getauscht hatten, stand unsere kleine Welt Kopf. Die Nähe wuchs. Gespräche wurden länger und tiefer. Es entstanden Pärchen. Also hat man uns nochmal darauf hingewiesen, dass nachts strikte Geschlechtertrennung und Bettruhe herrscht.

Für mich war die ganze WG-Sache ein großes Ding, weil für mich die langen Nächte mit einzelnen Leuten die beste Erholung war, um von Stress und Problemen herunterzukommen. Deshalb habe ich mit einem Tagebuch begonnen, in das ich wirklich Tag für Tag schreibe. Nachts, wenn alle schlafen sollen, sitze ich noch aufrecht in meinem Hochbett, starre ab und zu die Zimmerpflanzen an und reflektiere den Tag Buchstabe für Buchstabe. Das ersetzt zwar nicht den massiven sozialen Kontakt, den ich früher zu dieser Nachtzeit hatte, aber es unterstützt mich darin, das Erlebte zu verarbeiten.

Und das ist hier jede Menge. Ich bin regelmäßig in Frankfurt, um einfach zwischen der Skyline hindurch zu spazieren. Dabei treffe ich liebe Menschen und statte Kunsthäusern einen Besuch ab. Ich gehe oft shoppen, bin in Kinos oder gucke in der WG Filme. Ich koche und backe. Ich esse mal weniger, mal mehr. Mal mehr gut, mal weniger gut. Ich rede viel und schreibe viel. Und denke zu viel. Ich habe Shows im ganzen Rhein-Main-Gebiet. Ich fahre mit einem alten Van durchs ganze Rhein-Main-Gebiet. Ich moderiere in Schulen und schauspiele auf Messen. Im Büro designe ich Flyer und Plakete, Buttons und Websites. Ich besuche Seminare. Ich hasse Seminare. Ich freue mich auf Freunde. Ich liebe andere und ärgere mich.

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26. Februar 2011

Darmstadt. Zwölfter Februar. Ich bin mit Frau N. aus N. in Darmstädter Gefilden, um gemeinsam ein Kultur- und Beauty-Wochenende zu erleben. Wir reden über dies und das. Über unsere Kindheit und über unser Erwachsenwerden. Wir gehen auf die Mathildenhöhe, um uns die Ausstellung über Expressionismus anzusehen. Wir begähnen die trüben Bilder und sind fasziniert von den Träumen dieser Epoche. Wir finden einen verwunschenen Garten voller Kunstobjekte zwischen Jugendstilhäusern. Wir finden einen Müslimischladen, in dem man individuelles Müsli mischen kann. Wir finden, dass wir Pitas im Extrablatt essen sollten. Wir sehen “P.S. Ich liebe Dich”. Wir machen uns Schönheitsmasken. Wir backen. Wir basteln Geschenke. Wir essen Muffins.

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20. Februar 2011

Wo wir schon nahezu beim Thema Frankfurt sind, würde ich gerne mal loswerden, dass ich erstmals Emotionen für diese Stadt empfunden habe. Das ist nicht selbstverständlich. Immerhin wohne ich nur neben dieser Stadt. Zwar macht mich das häufiger zu einem Besucher, aber mehr als Freude für mein eigentliches Ziel habe ich nie empfunden. Immer ging es darum, irgendwo anzukommen und irgendeinen Zweck zu erfüllen.

Doch dieses eine Mal, als ich nichts in Frankfurt wollte und keinen Fuß auf Frankfurter Boden setzte, sondern nur mit dem Zug im Hauptbahnhof zwischenhielt, dieses eine Mal war ich glücklich, dort zu sein.

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20. Februar 2011

Ach, was vergess ich alles, hier niederzuschreiben. So war ich beispielsweise vor rund drei Wochen in Frankfurt, um mir in der Schirn eine Ausstellung von Gustave Courbet anzusehen. Wie ich dazu kam, beruht auf einer längeren Geschichte, die in meinem Abiturjahr ihren Anfang nahm. Mein Kunstlehrer schleppte uns durch Frankfurt, um uns Architektur und moderne Kunst näherzubringen. So kam es, dass wir durch die Ausstellungshalle liefen, die er uns besonders ans Herz legte, weil sie so exklusiv sei. Er war der Meinung, keiner der Anwesenden würde jemals einen Blick ins Innere werfen – außer mir. Nun stehe ich tatsächlich ein Jahr später in den besagten Ausstellungsräumen.

Mein Lehrer allein war aber nicht Motivation genug, um mich dort rein zu bringen. Es war schon die massive Werbung, die ganz Frankfurt tapezierte. Überall hingen diese Plakate mit Bildern, die mir den Atem nahmen, weil es Gemälde mit modernem Touch waren. Die Ausführung mag klassisch gewesen sein, aber die Inhalte steckten voller Zweifel, Egoismus und Wahnsinn – also moderne Themen. Die Figuren wirkten plastisch, weil sie kontrastreich und farbecht erschienen. Es war, als würden zwei Welten aufeinanderprallen – als träfe die alte Kunst modernen Zeitgeist.

Mit dieser Faszination und der lieben Einladung einer guten Freundin ging es dann auch gleich per Fahrrad nach Frankfurt. Dort angekommen, lief ich nun an roten Wänden vorbei, die behangen waren mit goldenen Rahmen, in denen Natur, Nacktheit und Nervenzusammenbrüche thematisiert wurden. Es war jetzt nicht die geballte Ladung an Spannung und Spaß, aber der Kontakt zur Kultur und das ein oder andere Bild waren genau die richtige Nahrung für meine Seele. Es war genau die Abwechslung, die ich gerade brauchte, um vom oberflächlichen Alltag herunterzukommen.

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