Ich lebe hier unter dem Segen der Bahai – einer jungen Weltreligion aus dem Iran. Bahai sind sehr nette und offene Menschen. Sie schaffen es zwar nicht, mich von meinem Agnostizismus abzubringen, aber sie schaffen es immer wieder meinen Sinn für Geistigkeit anzuregen.
Bei uns in der WG herrscht beste Stimmung, weil wir hier viel über den Sinn und Unsinn von Werten und Menschenbildern reden. Wir versuchen immer nur das beste in jedem zu sehen und kommunizieren viel. Probleme werden hier immer angesprochen und beraten, sodass nichts in sich hineingefressen wird. So eine Offenheit zerstört natürlich viel Privatssphäre, aber die opfert man, wenn es um eine gesunde Gruppendynamik geht.
Außerdem habe ich hier gelernt, zu beten. Nicht zu Gott. Sondern einfach für mich selbst. So mache ich mir Tugenden bewusst und setze mir Ziele, mit denen ich besser durchs Leben komme. Und um noch eine Stufe weiter zu gehen, habe ich das Fasten ausprobiert. Das funktioniert bei den Bahai so, dass man vor dem 21. März 19 Tage zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang komplett auf Essen und Trinken verzichtet.
Ich habe es sechs Tage durchgehalten. Wieso diese Strapazen? Es klingt zunächst ungesund, und das war es sicherlich auch, aber es ging mir eben darum, meine Grenzen zu erforschen. Mein Körper ist nämlich ziemlich resistent, wenn es um Essen, Trinken und Schlaf geht. Ich empfinde selten Hunger, Durst oder Müdigkeit. Ich wäre ein guter Soldat. Leider hat mir das Experiment offenbart, dass elf Stunden ohne Trinken zwar keinen Durst, aber dafür Kopfschmerzen verursachen. Außerdem wurde aus meiner ohnehin unregelmäßigen Nahrungszufuhr, sinnlose Völlerei, wenn sich morgens um halb sieben kiloweise Cornflakes in meinem Darm aufschichteten und abends um sechs das Kauen schneller als der Geschmack war. Man schätzt plötzlich, was man hat: die Freiheit zu essen, wann man will und wie viel man will. Man versteht, dass der eigene Körper ohne Wasser zu Schmerzen und Schwindelgefühlen neigt.
Und obwohl mein Körper immer anfälliger wurde und das Essen nichts mehr mit Genuss zu tun hatte, waren das nicht die Hauptgründe für meine vorzeitige Aufgabe. In erster Linie war ich zufrieden. Zufrieden mit dem, was ich gesehen und gelernt hatte und zufrieden mit mir selbst. Denn eigentlich war ich vor dem Fasten ein geistiges Wrack und nach der Abstinenz war es nur noch mein Körper. Weil ich nichts aß, hatte ich Zeit, über vieles nachzudenken. Und das machte mich glücklicher. Und letztlich habe ich dafür gefastet. Ich wollte wieder bewusst glücklich sein.


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