11. November 2011

Die Eignungsprüfung hatte gerufen. Dafür musste ich zum ersten Mal in meinem Leben nach Hamburg. Das einzige, was ich über die Elbstadt wusste: sie ist schön. Egal wen man fragt, Hamburg ist immer schön. Nicht mehr oder weniger. Doch bis ich mich selbst von dieser allgemeingültigen Meinung überzeugen konnte, vergingen ein paar Tage. Entweder es war zu dunkel, um etwas zu sehen oder ich saß hinter dichten Vorhängen und pinselte, kritzelte oder klebte auf Papier. Über zwei Tage erwarteten mich vier verschiedene Prüfungen für den Studiengang Kommunikationsdesign an der HAW. Ich malte meine Lieblingsspeise, ich zeichnete eine Katastrophe, ich entwarf ein Plakat gegen Zirkustiere und ich kommentierte ein Zitat von Max Frisch. Zugegeben: es waren keine Meisterleistungen und es gab bestimmt genügend Bessere, aber ich habe in der begrenzten Zeit alles gegeben und bin stolz auf meine Leistung.
Zur Belohnung gab es eine Tour durch Hamburg. Diesmal hell erleuchtet und ohne Prüfungsstress. Die herzallerliebste Marina, bei der ich dieser Tage unterkam und psychisch versorgt wurde, zeigte mir innerhalb weniger Stunden einen Querschnitt dieser beeindruckenden Stadt. Ich sah den Hafen, den alten Elbtunnel, Hafen-City, die Speicherstadt, das Rathaus, die Sternschanze und wir aßen Falafel und tranken Club Mate. Auch wenn das Kultgetränk nicht so geil war, zusammenfassend kann man sagen, dass Hamburg einfach Geschmack hat. Jedes Haus und jeder Einwohner haben Stil. Diese Stadt ist designed. Sie hat Glück, dass sie noch den nordischen Charme innehat, sonst wäre sie komplett eingehüllt von einer kalten Hipsterblase.
Absurdester Moment: Eine Frau ging langsam in die Hocke und zog ihre Hose runter. Irgendwo auf einem Gehweg. Als sie mich sah, hatte ich die Situation bereits ignoriert, aber anstatt auch mich stillschweigend zu ignorieren, zog sie schnell ihre Hose hoch, schaute mir direkt in die Augen und sagte: “Nicht eine Sekunde hat man, um in Ruhe zu pinkeln.” Ich lächelte nur verstört zurück.
4. November 2011

Deshalb war es auch gut, mich ohne jede Planung, Hals über Kopf in dieses Abenteuer gestürzt zu haben. Ich hatte nur wenige Erwartungen und erlebe deshalb auch keine Enttäuschungen. Hätte ich die Chance gehabt, alles penibel vorzubereiten – ich wäre nicht halb so weit gekommen. Und das Heimweh? Die Momente wie den am Strand von Hawaii? Vielleicht können wir wirklich nicht anders, als die Alternative immer mitzudenken, egal wie glücklich wir gerade sind. Aber wenn ich die Wahl zwischen Fernweh und Heimweh habe, wähle ich das Heimweh und fahre weiter um die Welt.
Meike Winnemuth über Glück haben und glücklich sein auf sueddeutsche.de. (via quote.fm/evaschulz)
Ich mag Artikel, die sich wie Kapitel eines guten Buches lesen. In diesem Buch ginge es um die Weltreise einer frischgebackenen Halbmillionärin, Selbstfindung und das ultimative Glück. Und dabei käme das heraus, was ich gerade als gesunden Lebensweg verstehen gelernt habe: Freiheit, ohne Angst vor dem Ungewissen.
3. November 2011

Vor gut zwei Monaten trieb es mich in Hessens Landeshauptstadt Wiesbaden. Dort fand das Folklore Festival statt, von dem ich nicht all zu viel wusste, außer dass dort Musik gespielt werden würde, die ich mochte. Doch zunächst hatte keiner Bock hinzufahren. Die WG entschloss sich nach Monsun-artigen Regenfällen nur widerwillig zur Reise. Auf Grund von Loyalität und diversen Beziehungen sind wir dann doch los, um bei Sonnenschein anzukommen. Nach einer halben Stunde Schlange Stehen gewannen wir mal eben ein Schweißband für unsere authentische Perfomance des WM-Hits “54, 74, 90, 2010″. Der Applaus hallt noch bis heute nach, doch für eine Karriere als Straßenmusikant war ich bislang zu unentschlossen.
Act Nummer eins war Pohlmann, den wir ohne Schuldgefühle verpassten. Die Nummer zwei war Indiegott Thees Uhlmann, der sich nun neben Tomte auch Solo versucht und gefühlt als Opa die Bühne rockte. Anschließend stand er auf dem Gelände herum und ich hatte aus meiner Schmach gelernt und bin schnurrstracks auf ihn zugegangen, um ihm zu danken, dass er Casper so krass supportet. Wir haben nicht nur minutenlang über die deutsche Musikszene geredet, er hat sich außerdem ganz hip-hopesque mit einem Fistbump von mir verabschiedet. Ein epischer Moment, den ich in meiner Erinnerung in Zeitlupe gespeichert und mit dramatischer Musik untermalt habe.
Auf der Nebenbühne folgten Irie Révoltés, die uns mit feierwütigem Reggae und Ska ordentlich einheizten, bevor Wir sind Helden ihre Klassiker voller Herz performten. Und als wären das nicht schon genug Bands für läppische 10€ Eintritt gewesen, spendierten uns Deichkinds Kinder Frittenbude ein fulminants Finale voller Gekuschel und Gequetsche. Kaputt, aber glücklich fuhren wir durch die letzte Spätsommernacht zurück nach Offenbach. Tolle Sache, dieses Folklore!
2. November 2011

Yeah! Ich fahre nach Hamburg – zum ersten Mal. Und anstatt Urlaub zu machen, werde ich mich durch zwei Tage und vier Prüfungen kämpfen.