


Das Licht geht aus und die Menge schreit, als ginge es um unser aller Leben. Gerade als der Schrei zu ersticken droht, beginnt die Musik sich in die Ohren jedes einzelnen zu bohren. Zwischen den Nebelschwaden stechen Lichtsäulen heraus. Casper betritt die Bühne, alles um mich herum kreischt. Auch er trägt eine Wolfsmaske mit leuchtenden Augen, wie seine vier Bandkollegen. Mit “Der Druck steigt” eröffnet der Messias des deutschen Raps seine Show. Hallende Chöre und wummernde Bässe lassen die Menge im flackernden Licht toben. Casper zieht die Maske ab und es folgen 90 Minuten bester Hip-Hop-Unterhaltung.
Wer hätte gedacht, dass ich mich mal in einen ausverkauften Club quetschen müsste, um diesen Sonderling der Szene sehen zu können. Ich meine nicht, dass er diesen Erfolg nie verdient hätte, aber es ist irgendwie ein kleines Wunder, wenn ich an unsere erste Begegnung zurückdenke. Im Sommer 2008 war ich mit Max auf dem Splash!-Festival. Er erzählte mir begeistert von Casper. Jedoch etwas vorsichtig, weil er sich seiner Eigenarten bewusst war. Casper war nämlich der “Emo-Rapper” mit der Kehlkopfkrebsstimme. Er hatte am letzten Tag des Festivals einen Auftritt auf der Mainstage. Dieser Auftritt war (um das vorwegzunehmen) großartig, weil er voller Leidenschaft und ohne Gangster-Attitüden durchgezogen wurde.
Begegnet bin ich ihm aber schon zuvor. Max und ich schlenderten nachmittags über das schwach bevölkerte Festivalgelände, bis er in eine Richtung deutete und mir zuflüsterte, dass da Casper steht. Einfach so. Mit einem Rapkollegen. Er stand fünf Meter entfernt. Total unberührt, denn keiner kam auf ihn zu. Ich schlug naiv vor, zu ihm zu gehen und ihn um ein Autogramm zu bitten. Doch Max war sicher, dass wir ihn besser nicht belästigen sollten. Ich kannte den Mann ja nicht, also gab ich nach. Bis heute bereue ich diese Entscheidung. Wie ich nämlich später feststellen durfte, liebt er den Kontakt zu Fans. Natürlich wäre dieses unbedeutende Gespräch erst heute wichtig geworden, nämlich mit dem Erfolg Caspers und der Verbindung, die ich zu seiner Musik aufgebaut habe. Damals hätte ich nicht viel mehr als ein “Hallo! Ich kenne deine Musik nicht, aber ich freue mich auf deinen Auftritt.” loswerden können. Das Fehlen dieses ersten Kontakts nagt bis heute an mir.
In diesem Moment hat er 239.833 Fans auf Facebook. Ich weiß noch, als er sich über 10.000 gefreut hat. Damals war ich einer von Wenigen, jetzt verschwinde ich in der Masse. Allerdings nicht ganz unbemerkt. Immerhin folgt er meinem Tumblog und zitiert meine Tweets. Es ist kein Autogramm, aber immerhin ein kleiner Genuss für einen Fan.
Zurück zum Konzert im Musiktheater: Es war grandios! Wenn jemand, der Hitparade ihren Namen gegeben hat, dann Casper. Ich habe kaum einen Klassiker vermisst. (Erst jetzt fällt mir das Fehlen von “Lippenlesen” auf.) Fast das komplette neue Album wurde live zelebriert. Besonders habe ich mich über “Die letzte Gang der Stadt” gefreut. Bei anderen Hip-Hop-Konzerten gehen nur die ersten paar Reihen so richtig ab. Bei Cas ist das anders. Alle haben mitgeswagt und mehr geschwitzt als ein Saunagänger. Casper wusste schon immer, wie er sich auf der Bühne verausgabt, doch jetzt dirigiert er auch sein Publikum zur exzessiven Dehydrierung. Zum Abschluss ließ er noch ein paar Stimmbänder reißen, als er mit den Fans “So perfekt” performte.
Danke Casper. Du hast Dich übertroffen. Aber das kann man steigern…, indem ich endlich ein Autogramm bekomme. ;)

Ich kam nach über einem Jahr nach Hause, um wieder dort einzuziehen, wo ich fast zehn Jahre verbrachte. Zehn Jahre, in denen ich mich veränderte, aber mein Zimmer nur ein paar Grundreinigungen durchlebte. Die Möbel sind die selben. Die Wände tragen weniger Poster, aber das gleiche sterile Weiß. Während der Schulzeit störte mich das überhaupt nicht. Doch jetzt, nachdem ich die Erfahrung eines Umzugs durchgemacht hatte, empfand ich das Bedürfnis, alles neu zu haben. Mit “neu” meine ich nicht unbedingt neue Möbel, die kommen mit dem nächsten größeren Umzug ohnehin, aber ich brauchte ein frisches Lebensgefühl.
Nach zweieinhalb Wochen zwischen Kartons und vollgelegten Sofas raffte ich mich auf und spielte Tetris mit meinen Möbeln. Nachdem der hinderliche Kleinkram im Raum zentriert wurde, nahmen die wichtigsten Möbelstücke neue Plätze ein. Mehr Platz zum Arbeiten, ein besser genutztes Örtchen für das Sofa und eine gemütlichere Schlafecke. Nagut, es ist mitunter chaotischer aus als zuvor, aber das sind nur die Ecken, die ich einmal im Monat betrete.
Neben dem Möbelgeschiebe, schmiss ich bei der Gelegenheit alle übrig gebliebenen Schulunterlagen weg. Ebenso erging es anderen Artifakten, die aus meiner jugendlichen “Das brauche ich irgendwann bestimmt noch”-Phase messimäßig liegen geblieben sind. Tschüss Überfluss!
Es wird kalt. Der Herbst wütet in all seinen Farben und der Winter weht bereits durch die eisigen Startlöcher. Nicht gerade ein guter Zeitpunkt, um sich einem Hobby im Freien zu widmen. Doch was soll ich sagen? Als ich mein Fahrrad aus der Gartenlaube holte, war es um mich geschehen. Ich wischte den Staub vom Sattel, ölte jede Ritze und fuhr eine erste Proberunde durch die dörfliche Prärie. Es war ein himmlisches Fahrgefühl, nachdem ich ein Jahr lang mit meinem anderen geliebten, aber klapprigen Stadtrad am Main entlang radelte. Jetzt saß ich wieder auf meinem gewohnten Sattel und jeder Tritt entfachte die gewohnte Menge an Energie. Ich schoß zwischen den Einfamilienhäusern hervor und fühlte mich bei der kühlen Sonne, wie ein Cowboy, der die leergefegten Straßen mit seiner Melancholie erfüllt.
Es waren meine Straßen, die ich noch vor ein paar Jahren mit allerlei Zeitschriften versorgte und mir so ein paar zusätzliche Cent verdiente. Jetzt bin ich zurück und freier denn je. Mit der roten Bommelmütze ausgerüstet, ging es in den nächsten Baumarkt, um mir dort neue Bremsklötze zu besorgen. Eine halbe Stunde verbrachte ich vor diesem Regal, welches aus demontierten Fahrrädern bestand, und plante, was ich noch alles brauchen könnte. Mit den Bremsen, ein bisschen Werkzeug und voller Testosteron fuhr ich zurück nach Hause und schraubte ein wenig ziellos an meinem Zweirad herum. Aber es brauchte weder Ziel noch Sinn zu haben. Die ganze Aktion erfüllte mein soziales und digitales Leben mit ein wenig Physik. Es war das raue Hobby, dass ich für diesen Moment gebraucht hatte. Es war die Bewegung, die die folgenden Stunden vor der Playstation rechtfertigte. Es war gut.

Ein Monat ist vergangen und ich würde untertreiben, wenn ich behaupte, dass viel passiert sei. Ich habe in den vergangenen vier Wochen einen Freizeitpark der Emotionen besucht. Ich stieg in das Karussel der Liebe und es dreht sich unaufhörlich weiter. Ich ging in das Figurenkabinett des Ehrgeizes und zeichnete mir aus den Ausstellungsstücken eine Bewerbungsmappe für die HAW in Hamburg. Die Wildwasserbahn der Impulsivität riss mich von einer Stimmung zur nächsten.
Oft tat es weh, doch es war die Mühe wert. Man hat es mir vielleicht nicht angesehen, aber ich genoss diesen letzten Monat in Offenbach mit all meinen Sinnen. Ich atmete Energie ein, Stress dampfte aus meinen Poren und ich hielt Erfolg in meinen Händen. Nun bin ich raus aus der Riesen-WG mit mittlerweile 17 Bewohnern. Ich bin zurück in nordhessischen Gefilden und schlafe noch neben Umzugskartons.
Als ich mein FSJ im August letzten Jahres begann, hätte ich nicht gedacht, dass sich solch ein langer Weg vor mir auftun würde. Ich wäre ihn noch weiter gegangen, wenn ich das Gefühl gehabt hätte, noch mehr daran wachsen zu können. (Wie oft doch Freunde von meiner Größe überrascht sind.) Ich würde zurückkommen. Doch vorher will ich noch größer werden, um noch mehr bewegen zu können.