11. September 2011

Samstag.

Die 17-Mann-WG steht leer. Wir gucken Amelie. Wir essen Käsespätzle. Die Welt steht still, aber ich leide unter einer Zeichenblockade. Ich habe das Blatt Papier den gesamten Tag vor mir und die Stifte liegen griffbereit, aber dennoch möchte mein Kopf keinen Anfang wagen. Jeder Strich fühlt sich bereits im Vorhinein falsch an. Ich weiß nicht, ob es Druck oder Ahnungslosigkeit ist, aber das Gefühl genügt, um meine Hände bis in die Fingerspitzen zu fesseln.

Ich zeichne für meine Mappe, mit der ich mich spontan und komplett unvorbereitet an der HAW bewerbe. Zwei Arbeiten sind bereits fertig und ein paar ältere können auch noch ihren Platz finden. Mindestens 20 müssen aber her. Und ich habe nur noch bis Anfang Oktober. Es wird ein Wettlauf gegen die Zeit. Der letzte Monat, den ich bei meiner FSJ-Stelle verbringe und mit allerlei Emotionen kämpfe, soll jetzt auch der erste Monat der Selbstfindung und Uniplanung werden. Aha.

4. September 2011

Gestern war der Spuk vorbei, den man mir vor einem Jahr einheimste. Mein Verein, Arbeitgeber und Zuhause feierte zehnjähriges Jubiläum. Es sollte das größte Fest aller Zeiten werden. Seit zwölf Monaten wurde ich auf dieses Event vorbereitet bzw. sollte ich es vorbereiten. Ich war Teil einer riesigen Crew, die alles dafür gab, damit wir am Ende des Tages 600 Gäste im Offenbacher Capitol empfangen konnten. Wir schraubten, sägten, strichen, kauften, verhandelten und lachten über alles, was schief ging. Und es ging einiges schief. Ausnahme: das Design der Veranstaltung, welches ich über die letzten Wochen gestaltete. Wir hatten wunderschöne Flyer, tolle Tickets und stylishe Shirts und Hoodies.

Am Ende bleibt aber gefühlt nichts übrig. Es ist einfach vorbei. Die Gäste und Freunde sind weg und das Theaterstück war ein flüchtiger Moment auf der Bühne. Immerhin: Es war schön.

16. August 2011

Die Begleitung des neuen Jahrgangs tut unheimlich gut. Ich finde Bestätigung und Wärme. Die Leute akzeptieren mich und respektieren meine Meinung. Doch was gebe ich dafür? Ich sage ab und zu, was ich denke. Und wenn man mir sagen will, was man denkt, bin ich ganz schnell weg. Zurück in meine Welt.

Doch wo ist meine Welt in einer fremden Stadt zwischen fremden Menschen? Mein neues Zimmer kann nicht dieser Ort sein, denn dort ist es viel zu eng. Ich gehe raus und atme Mainluft, sehe mir Hochhäuser an und rede mit Altbekannten, für die ich kein Vorbild bin, sondern einfach nur einer von zwölf Ex-Mitbewohnern. Nicht besser oder schlechter als jeder andere. Das ist meine Welt. Daran habe ich mich gewöhnt.

Meine aktuelle Sonderstellung ist ein verfluchter Genuss. Mithilfe des ganzen Respekts konnte ich mir eine dicke Maske basteln, hinter der ich keine andere Rolle als die des Vorbilds spielen kann. Ich möchte die Maske eigentlich kaputt machen, aber ich will auch den Respekt behalten, um ein gutes Beispiel zu bleiben. Ich bin zur Zeit unfähig, meine Schwächen zu definieren. Es fühlt sich falsch an, aber ich will auch schwach sein dürfen.

6. August 2011

Eigentlich geht es mir gut. Aber auch nur eigentlich. Denn ich sitze zwischen zwei Stühlen und fürchte mich davor, von beiden herunterzufallen und am Ende auf dem Boden sitzen zu müssen. Es ist nichts Halbes und nichts Ganzes, was ich hier durchmache. Die Welt steht mir offen. Ich kann Entscheidungen treffen und dafür einstehen, aber irgendwie rentiert sich für mich keine dieser Möglichkeiten. Meine Welt will sich nicht verschließen.

Niemand steht geschlossen hinter mir. Ich habe oft das Gefühl, die Leute kommen zu mir, wenn es Ihnen schlecht geht und ich vor Glück schwebe. Sie wollen etwas davon abhaben und wieder lachen und Freude strahlen. Und ich glaube, dass ich über ein Talent verfüge, dass mich grundsätzlich trauriger aus Gesprächen gehen lässt als mein Gegenüber. Leider geht niemand glücklich hinterher, um mich aufzuheitern.

Niemand wird dies so sehen oder verstehen. Und deswegen schreibe ich ja darüber. Weil es meine Sicht auf die Welt ist.

28. Juli 2011

Diese WG mit all ihren Tücken und diesem einzigartigen Wohlsein. Diese Arbeit mit all ihrem Stress und diesen zuckersüßen Momenten. Diese Menschen mit all ihren Problemen und diesen wunderschönen Gefühlen. Ich bin immer noch drin. Die Neuen sind da und ich habe mein Zimmer verlagern müssen, aber ich spüre noch immer den Geist des Projekts, der mich ein Jahr erfüllte.

Die Woche in der Heimat, wo sich Langeweile und Sinnlosigkeit immer wieder erbitterte Schlachten liefern, gab mir endgültig das Gefühl, nicht mehr Zuhause zu sein. Denn: Home is wherever I’m with you. Kaum war ich wieder in Offenbach überschlugen sich die Witze, Insider und Anekdoten und ich fühlte, wie sich ein Schauer Glück über mich und meine strengen Gedanken ergoss. Und das ausgerechnet dann, als ich ernsthaft und gezielt über meine Zukunft als Student nachdachte.

Jetzt bin ich wieder hier und blind für den Ernst des Lebens. Gelähmt für das Gefühl von Schmerz. Draußen kann es regnen, stürmen oder schneien, hier scheint immer die Sonne. Natürlich gibt es auch verzweifelte Momente, in denen man sich fallen lässt, aber früher oder später wird man gefangen oder rafft sich von selbst auf. Denn das lernt man hier: Kraft tanken und Liebe schenken.

Das neue Team wird das auch noch begreifen. Vielleicht haben sie es schon. Auf alle Fälle spüren sie es. Sie tragen den Geist bereits in sich. Das sehe an den lachenden Gesichtern und an den motivierten Gesten. Sie tragen zwar den gleichen Geist in sich, aber sie sind anders als mein Team. Es hat lange gebraucht, bis wir gemeinsam im Wohnzimmer saßen und zur Gitarre sangen. Unsere Nachfolger brauchten einen Eingewöhnungstag, bis die ersten Saiten rissen und ein Dutzend Gesangsbücher todgeblättert wurden. Wir sind jetzt sechzehn Leute in der WG. Mehr als die Hälfte könnte mit Instrumenten versorgt werden. Selten hört man nur einen Gitarristen spielen.

Wir sind vier Männer. Nur zwei davon sind fester Bestandteil des Teams. Auf diese zwei Hähne kommen zehn Frauen. Wir hatten dieses Jahr mächtig Schwierigkeiten Männer für ein ehrenamtliches Jahr zu gewinnen. Ich nehme an, das lag in erster Linie an dem Wegfall von Wehr- und Zivildienst. Außerdem besteht das halbe Team aus Geschwistern Ehemaliger. Wir betreiben halt Vetternwirtschaft, wenn die Leute keinen Bock auf das tollste Jahr ihres Lebens haben.

Ich hatte meines bereits. Fast vor genau einem Jahr hatte ich begonnen. Und ich konnte nicht damit aufhören. Wenn es so weitergeht, bleibe ich noch länger als geplant. Ich mag es nämlich wieder. Nachdem ich kurz wehleidig Abschiedsgedanken hegte, möchte ich nicht noch ein Team verlassen. Zwar bleibt mein Jahrgang der beste aller Zeiten, aber die Neuen konnten mein Herz in Windeseile erobern.